Kinder-Yoga in der sozialpädagogischen Arbeit (Autorin: Ursula Salbert)

Was ist Yoga und wodurch unterscheidet sich Kinder-Yoga vom Yoga für Erwachsene?
Das Wort „Yoga“ stammt aus der alten indischen Sprache des Sanskrit und bedeutet soviel wie das „Anschirren“ oder „Anjochen“ von Zugtieren vor einen Wagen. Damit meinte man ursprünglich das Anjochen der Sinne und Triebe sowie die Bewusstwerdung dieser, um Selbstfindung zu üben.
Seit ungefähr 3000 Jahren haben sich in Indien verschiedene Yoga-Wege und Techniken herausgebildet. Der in der westlichen Welt populärste Yoga ist der Hatha-Yoga (10. Jahrhundert).
„Ha“ steht für Sonne und „tha“ für Mond. Im Hatha-Yoga pendeln wir mit unserem Bewusstsein zwischen zwei Polaritäten und finden dadurch unwillkürlich zur Mitte.
„Yoga ist das Gleichgewicht in allem“, so heißt es in der Bhagavadgita (500 v.C.)

Die Yoga-Übungsmethode beruht auf Erkenntnissen der Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele. Mentale Fähigkeiten und seelische Befindlichkeiten stehen in Wechselwirkung mit unserem Körperbewusstsein. Wenn wir im Yoga durch Körperübungen und bewusste Atmung die Entfaltung unserer körperlichen Fähigkeiten unterstützen, fördern wir zugleich unsere geistig-seelische Entwicklung.

Viele Menschen üben regelmäßig Yoga und schöpfen daraus neue Kraft für die Bewältigung der täglichen Lebenssituationen.

Bereits ab 3 Jahren können Kinder einfache asanas (Körperübungen) erlernen. Eine Atembeobachtung wie die „Bauchatmung“ gelingt ebenfalls ab diesem Lebensjahr. Pranayamas (Atemübungen) können Kinder ab 5 Jahren beginnen. Übungen mit „Luftanhalten“ dürfen sie nicht durchführen!
Im Kinderyoga werden die Körperübungen und Atemübungen immer in eine Geschichte oder in ein Märchen eingebunden. Dadurch können die Kinder ihre Fantasien ausleben und sich mit Mimik und Gestik einbringen. Jede Stunde hat ein bestimmtes Thema.
Für jüngere Kinder bietet sich an, eine Katze die Welt entdecken zu lassen. Z. B.: „Das Kätzchen macht einen Zoospaziergang“, „Das Kätzchen am Bach“, „Das Kätzchen besucht die alte Eiche im Wald“ usw. Man beginnt dabei mit der Katzenübungsreihe und lässt dann das Kätzchen die Tiere besuchen (viele Yogaübungen haben Tiernamen).
Mit Schulkindern kann man Ausflüge zum Mond, in die Unterwasserwelt oder in fremde Länder und Kulturen unternehmen. Besonders interessant für Kinder aller Altersgruppen sind Ausflüge ins Land der fantastischen Märchenwelt. Dort erleben sie mit Elfen, Nymphen, Feen, Meerjungfrauen, Zwergen und Riesen ihre Abenteuer, werden verzaubert und wieder in die reale Welt zurückgesandt.
Eine Schlussentspannung (Savasana) kann genutzt werden, um mit den Kindern eine gedankliche Reise durch den Körper zu unternehmen. Dabei werden Alle Körperteile und die Auflagefläche des Körpers erspürt. Es können auch Körperteile angehoben und entspannt fallengelassen werden, um den Umschaltungsprozess zwischen Anspannung und Entspannung zu trainieren. Beendet werden kann die Übungsreihe auch mit einer Fantasiereise zum Stundenthema.

Didaktik und Methodik des Unterrichts

Nach dem Motto „weniger hilft viel“ sollten Pädagogen nicht zu viele Übungen in eine Übungsreihe konzipieren und immer nur eine neue Übung pro Reihe neu einführen. Die Raumbedingungen, die Zusammensetzung und Größe der Gruppe, das Alter der Kinder und die Tageszeit müssen beachtet werden.
Ein ruhiger, fußwarmer, heller Raum, der auch abgedunkelt und gelüftet werden kann und allen Kindern ausreichend Platz bietet, ist günstig.
Kinder, die einzelne Übungen nicht mögen, können diese auslassen. Sie stören aber dabei die anderen nicht. Jedes Kind bleibt auf seiner Gymnastikmatte oder Decke, mit Ausnahme bei den Partnerübungen. So lernen die Kinder, auch auf engem Raum ihren Bewegungsdrang auszuleben und Grenzen zu akzeptieren. Am Anfang sollte die Gruppengröße gering sein (7 Kinder). Später kann mit 12 yogaerfahrenen Kindern geübt werden.
Durch Lob erreicht der oder die ÜbungsleiterIn mehr als mit Tadel. Alle Kinder üben dann so gut sie können und bekommen dafür eine liebevolle, umsichtige Anleitung.
So lernen die Kinder, sich nicht immer mit anderen zu messen. Sie erleben den persönlichen Fortschritt und sind stolz darauf. In der heutigen Zeit, die ja von Leistungs- und Konkurrenzdenken geprägt ist, ist dies ein wichtiger Erziehungsinhalt.
Während der Schlussentspannung können die Kinder die Augen schließen, dadurch erhöht sich die Konzentrationsfähigkeit auf den Körper. Wenn die Kinder das nicht mögen, schauen sie auf einen selbst gewählten Punkt.
Bevor Kinder Yogaübungen beginnen, sollten sie mindestens 1 Stunde nichts gegessen und getrunken haben. 1-2 Stunden nach dem Frühstück oder am Nachmittag als Abschluss ist die beste Übungszeit. Eine Übungsstunde zwischen 30 und 60 Minuten kann wie folgt aufgebaut werden:

Austobe-Spiele. Wenn in der Gruppe bewegungsaktive Kinder sind, ist das Austoben besonders wichtig, damit sie sich später auf ruhigere Übungen besser einlassen können.
2. Decke holen und im Kreis auslegen. Jedes Kind hat eine eigene Decke und ein Kuscheltier für die Bauchatmung.
Begrüßungsritual. Man gibt sich im Kreis die Hände, verbeugt sich oder lächelt einander zu.
Einleitendes Gespräch. Um Stimmungen und Befindlichkeiten der Kinder zu erfahren.
Atmung. Atembeobachtungen, Atemübungen, Yogaübungen in Verbindung mit der Atmung. Neueinführung oder Wiederholung.
Gespräch zum Stundenthema. Über ein Gespräch werden die Kinder geschickt zum Stundenthema hingeführt. Zum Beispiel: „Heute früh sah ich eine schwarzweiße Katze und erinnerte mich daran, dass ich als Kind auch so eine Katze hatte. Sie hieß Minka. Eine Fee verzaubert alle Kinder in Katzen.“ Ein Kind kann die Fee spielen und sich dann selbst noch in eine Katze verwandeln.
Yoga-Übungsreihe. Verpackt in ein Märchen mit glücklichem Ausgang und Zurückverwandlung der Kinder.
Schlussentspannung. Fantasiereise, Nachspüren, Entspannungsmusik.
Zurücknahme. Kinder recken, strecken und gähnen lassen ist wichtig, um wach zu werden.

Abschließendes Gespräch. Die Kinder erzählen, was sie gespürt, erlebt und geträumt haben. Sie lernen dabei, über ihre Gefühle und Befindlichkeiten zu sprechen. Der Pädagoge bekommt einen Überblick über das Körpergefühl und die Entspannungsfähigkeit der Kinder, um gezielt neue Übungsreihen planen zu können.

Yogaübungsreihe „Zwerg Mütze“

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Abbildungen zur Yogaübungsreihe
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Beispiel einer Schlussentspannung: Eine Reise durch den Körper

Du liegst auf deiner warmen Decke und fühlst dich wohl und geborgen. - Ganz schwer ist dein Körper und warm, wunderbar warm. - ganz langsam wandern nun deine Gedanken durch den Körper, hinunter zu den Füßen. - In den Füßen angekommen, streicheln sie über die Fußsohlen und über die Fußrücken. - Du bedankst dich bei deinen Füßen dafür, dass sie dich jeden Tag tragen. - Nun spürst du die Auflagefläche deiner Ferse auf der Decke. Dort wird es ganz warm. - Dann wanderst du weiter mit deinen Gedanken und streichelst über die Unterschenkel bis zu den Knien, umkreist die Knie und streichelst über die Oberschenkel. - Auch deinen Beinen sagst du ein Dankeschön dafür, dass sie mit dir hüpfen, laufen und springen. - Nun spürst du die Auflageflächen deiner Waden und Oberschenkel auf der Decke, und dort wird es ganz warm. - Du wanderst weiter mit deinen Gedanken und streichelst über den Po, den Rücken hinauf. - Dann streichelst du über die Brust und den Bauch. - Lege nun deine Hände auf die Brust und spüre wie dein Herzlein pocht. - Dann sendest du deinem Herzen ein allerliebstes Lächeln, denn du bist gesund, und dafür bedankst du dich. - Nun spürst du die Auflagefläche deines Poes und des Rückens auf deiner Decke, und dort wird es ganz warm. - Lege deine Hände wieder auf die Decke und streichle in Gedanken über deine Schultern, deine Arme und die Hände. - Auch ihnen sagst du ein Dankeschön, denn sie leisten gute Dienste. - Dann spürst du die Auflagefläche der Schultern, Arme und Hände auf der Decke, und dort wird es ganz warm. - Zum Schluss streichelst du über Hals, Haare, Stirn, Wangen, Kinn und Ohren. - Dein Gesicht fühlt sich jetzt ganz entspannt an, richtig schön siehst du jetzt aus. - Und wenn du ganz, ganz leise bist und ganz genau aufpasst, dann spürst du einen leichten, angenehm kühlen Windhauch auf deiner Stirn. - Vielleicht ist es eine Elfe, die da pustet?

Warum ist Yoga für Kinder so wertvoll?

Wie schon erwähnt, ist Yoga eine ganzheitliche Methode. Kinder werden durch das Üben nicht nur ruhiger und ausgeglichener, sie werden auch körperbewusster und können sich selbst und ihre Kräfte besser einschätzen. Sie gehen mit ihren Mitmenschen sozialer um, sind konzentrierter und beweglicher. Yoga unterstützt die gesunde Entwicklung der Wirbelsäule, Muskeln, Organe und Gelenke. Der Blutkreislauf und die Verdauung werden angeregt und eine gesunde Atmung begünstigt. Die Kinder lernen im Yoga Alltagsbelastungen, Angst und Stress zu verarbeiten und können ihre Fantasien ausleben.
Kein Wunder also, dass der Yoga-Weg die Kinderherzen sehr schnell erobert.

Elternarbeit

Für die Einführung dieses Themas in Kindergarten und Schule ist unbedingt ein Elternabend zur Information wichtig. Denn viele Eltern können mit dem Wort „Yoga“ nichts anfangen.
Z.B. können Sie die Eltern zu einer Yogaübungsreihe, mit anschließendem Mandalamalen bei Kerzenlicht und Entspannungsmusik einladen. Die Eltern werden nicht nur begeistert sein, sie werden darauf drängen, dass ihr Kind unbedingt an so einem Angebot teilnimmt. Spätestens dann sollten Sie als Pädagoge daraufhin weisen, dass dieses Angebot für Kinder freiwillig ist. Läuft das Angebot schon eine gewisse Zeit, dann kann man an der Info-Wand einige Fotos und eine lustige Reportage aushängen.

Weiterbildungsmöglichkeiten für ErzieherInnen und LehrerInnen

Wer mit Kindern Yoga beginnen möchte, sollte selbst Yoga üben, um die Übungswirkungen am eigenen Körper zu erfahren. Yogalehrer in ganz Deutschland bieten dazu Kurse an. (Info: Berufsverband der Yogalehrer in Deutschland e.V.). Weiterbildungsmöglichkeiten über Kinder-Yoga bieten Caritasverbände, Berufsbildungsseminare und manchmal auch Volkshochschulen an. Die geeignete Fortbildungsstätte finden Sie auch im Kindergarten-Fortbildungsführer (Verlag Herder).
Für Interessierte gebe ich Einführungsseminare, die auch von Erzieher-Teams als AG-Nachmittag gebucht werden können,
zu den Themen:
- Kinder-Yoga,
- Autogenes Training und Muskelentspannung.
- Yogaerfahrene bilde ich zum Übungsleiter für Yoga und Entspannungstraining mit Kindern aus.

Ich wünsche mir, dass sich viele ErzieherInnen und LehrerInnen mit Kinder-Yoga beschäftigen, denn unsere Kinder sind unsere Zukunft. Und wir haben die Möglichkeit, diese so gut wie möglich mitzugestalten.