Im Wald gibt es keine Langeweile (Autorin: Ursula Salbert)

Ist der Waldkindergarten eine Modeerscheinung angesichts leerer Kassen? Mit Sicherheit nicht, das bestätigen auch die Kinder, Eltern und Erzieherinnen des Waldkindergartens Flensburg e.V., des Naturkindergartens Landwege e.V. und die Wandergruppe der Kita Wetzlar-Münchholzhausen in einem Videofilm mit dem Titel „Spielzeug zerbricht - Erlebnisse sind unsterblich“.
Anfang der 90er Jahre waren sie die Ersten, die das aus Dänemark kommende Konzept des Waldkindergartens in die Tat umsetzten.
Seit dem interessieren sich immer mehr Pädagogen für den pädagogischen Nutzen von Naturerfahrungen.
Das neue Konzept des Waldkindergartens ist eine „Reaktion“ auf das sich verändernde soziale Umfeld von Kindern und ihrer Stellung in der Gesellschaft.
Es entstand aus pädagogischer Verantwortung heraus, vorhandene Möglichkeiten für die Kindererziehung zu nutzen und Kindern in einem nicht optimalen Umfeld eine erlebnisreiche Kindheit zu schenken.
Das Medium Wald bietet sich regelrecht an, um die Kinder aus einer hektischen, engen, lauten und auf Konsum orientierten Welt für ein paar Stunden herauszuholen.
„Im Wald klingelt nicht dauernd das Telefon und wir haben wirklich Zeit für die Kinder“, das sind Aussagen von Erzieherinnen aus dem Video.
Werden die Kinder auch optimal auf die Schule vorbereitet? Ist der Bildungsauftrag noch gewährleistet? Das fragen sich Eltern und Träger.
In der Praxis wurden diese Fragen längst bejaht.
Soziales lernen und das Vermitteln von Wissen und Erfahrungen ist nicht abhängig vom Vorhandensein geschlossener Räume. Im Gegenteil, Freiräume schaffen wieder Platz für Kreativität, Kommunikation, Sinneserfahrungen und eine optimale Entwicklung der Motorik.
Kinder können sich besser konzentrieren und interessieren sich wieder mehr füreinander.
Sie werden zur Liebe und Achtung zur Natur und zum verantwortungsvollen Handeln erzogen.
Und was ist, wenn es regnet?
„Dann ziehe ich einen Pullover an und noch einen und noch einen und oben drüber einen Regenmantel und dann springe ich in die Pfützen“. So einfach sehen das die Kinder.

Inzwischen werden Fortbildungen zum Thema Waldpädagogik und Ausbildungen zum/r Naturpädagogen/in angeboten, wie zum Beispiel in der Naturschule Freiburg, Rempartstr. 9, 79098 Freiburg, Tel.: 0761 24408

Fortbildungen sind wichtig, denn schließlich will man umweltgerechtes Verhalten glaubhaft vorleben und einen längeren Aufenthalt im Wald so gestalten, dass die Lebensräume der Pflanzen-, Baum- und Tierarten nicht gestört werden.
Ausgestattet mit dem nötigen biologischen und ökologischen Fachwissen ist ein/e ErzieherIn ein/e kompetente/r PartnerIn für den zuständigen Revierförster und das Forstamt.
Weiterhin lernen die PädagogInnen in diesen Seminaren den Umgang mit Schwierigkeiten, die auftreten können, zum Beispiel bei der Suche nach einem geeigneten Waldabschnitt, bei der Bereitstellung von Unterstellmöglichkeiten für die Kinder und beim Ausstellen von Genehmigungen.
Sie lernen auch mögliche Gefahren (Zeckenstiche oder Fuchsbandwurm) einzudämmen, und hygienische Bedingungen und die Aufsichtspflicht zu wahren.
Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern nimmt in freier Natur neue Formen an.

So entstehen immer mehr Waldkindergärten. Doch nicht überall ist das realisierbar. So organisieren viele Kindereinrichtungen Waldprojekte über mehrere Wochen im Jahr oder Wandergruppen, die sich den ganzen Tag außer Haus aufhalten.

Naturerlebnisse sind für Kinder immer einzigartig und sollten deshalb in keiner Kindereinrichtung fehlen.

Im Weiteren wird ein Walderlebnistag einer Kindergruppe geschildert. Solch ein Walderlebnistag kann ein Anfang sein, um die Eltern für das „Erleben des Waldes“ zu begeistern und sie darauf einzustimmen, dass ihre Kinder in Zukunft öfter in den Wald gehen werden.
Ich hoffe, dass dieser Erlebnisbericht viele ErzieherInnen ermutigt, solche oder ähnliche Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Dann folgen Beispiele zum weiteren sinnlichen Erfahren des Themas Natur über das ganze Kindergartenjahr.

Walderlebnistag der Schwalbengruppe, Kindergerten St. Walburga Sandweier

Aufgeregt hüpften die Kinder der Schwalbengruppe auf dem Fußweg vor dem Kindergarten hin und her. Gemeinsam mit den Eltern und Erzieherinnen warteten sie darauf, dass es endlich losgeht. Dann fuhren alle in Fahrgemeinschaften mit den Pkw's zum Treffpunkt in den Wald.
Lange schon hatten wir diesen Tag vorbereitet und ohne die Mithilfe der Eltern wäre er gar nicht möglich gewesen. Schließlich wollten 22 Kinder zwischen 3 und 6 Jahren in den Wald, fernab von öffentlichen Verkehrsmitteln.
Einen Naturerlebnistag zu organisieren war keine spontane Idee, sondern ein Projekt innerhalb unseres Jahresthemas. Wir hatten uns vorgenommen, die nahe und ferne Umgebung des Kindergartens mit den Kindern hautnah und erlebnisorientiert zu erkunden.
Dabei wollten wir, nach dem Prinzip der Ganzheitlichkeit, das Vermitteln von Wissen mit dem sinnlichen Erfahren, Begreifen und Erleben verbinden. Denn nur so werden die Erlebnisse auch das Verhalten der Kinder für ihr weiteres Leben prägen.
Nachdem nun die Kinder das Säen, Pflegen und Wachsen der Pflanzen und Sträucher im Garten und auf dem Spielplatz miterlebten, gemeinsam mit den Erzieherinnen eine Kräuterspirale bauten und ein Wasserbiotop für Frösche und Insekten anlegten, das Leben der Tiere und Pflanzen auf der Wiese erforschten und ihnen die Verantwortung für die Erhaltung dieser bewusst wurde, wollten die Kinder nun in den weiter weg gelegenen Wald.
Waren doch Garten und Wiese ganz spezifische Lebensräume, mit typischen, nur für sie geltenden Gesetzen und doch eingebunden in den großen Kreislauf der Natur, so wollten wir auch den Wald als etwas „Einzigartiges“ unbedingt „Dazugehörendes“ erleben.
Wir fuhren also bis zur gemieteten Hütte, die aus organisatorischen Gründen wichtig war. Schließlich brauchten wir einen Unterschlupf, falls uns der Regen überraschen sollte und Quellwasser zum Händewaschen.
Nach dem Frühstück an der Hütte, ging es von dort aus los durch einen Hohlweg tief in den Wald hinein.
Zu unserem Gepäck gehörten außer Vesper und wetterfeste Kleidung, auch Lupen, Siebe, Stoffbeutel, Messer, Bestimmungsbücher, eine Landkarte, ein Kompass, ein Handy, ein 1.Hilfe-Koffer und ein kleiner Handspaten für die großen Geschäfte.
An einer Wegkreuzung teilte sich die große Kindergruppe in eine Wandergruppe und eine Hüttengruppe. Für die Wandergruppe entschieden sich die größeren Kinder und die kleineren für's Erkunden rund um die Hütte. Dadurch wurden die Gruppen übersichtlicher. Die kleineren Kinder fühlten sich durch die Nähe der Hütte und dem überschaubaren Territorium geborgen. Die größeren Kinder konnten ihren Bewegungsdrang und ihre Abenteuerlust ausleben und wir Erzieherinnen konnten uns besser auf die Bedürfnisse der Kinder einstellen.
Besonders viel Spaß hatten die größeren Kinder am Orientieren mit Karte und Kompass. Um den Rückweg sicher zu finden, wurden Wegweiser errichtet und die Stellung der Sonne genau beobachtet. So lernten die Kinder Hilfsmittel kennen, die man braucht, um sich in unbekanntem Gelände zurechtzufinden.
Mit den Lupen beobachteten sie interessante Käfer, Insekten und Pflanzen. Diese wurden dann in den Bestimmungsbüchern gesichtet, um Näheres über sie zu erfahren. So lernten die Kinder achtsam zu sein, denn einige Pflanzen waren Heilpflanzen, einige standen unter Naturschutz und manche Beeren und Pilze waren giftig.
Am Bach, bei der großen Waldwiese angekommen, wurden die Siebe ausgepackt und das Wasser auf Lebewesen untersucht. Da unsere Kinder Gummistiefel an hatten, durften sie auch durch den Bach laufen, von Stein zu Stein hüpfen und das Wasser hautnah spüren.
Dann wurden Ästchen gesammelt und die Schnitzmesser verteilt. Wir konnten beobachten, dass unsere Kinder nach ausgiebiger Bewegung nun das Sitzen auf der Wiese, die Ruhe und die Beschäftigung mit den Schnitzmessern genossen. „Das ist richtig gemütlich hier“ und „Hier gehen wir mal wieder hin“, das waren Gefühlsäußerungen der Kinder, die sich mit unseren deckten. Denn auch wir waren von der Schönheit und Vielfalt des Waldes sichtlich beeindruckt.
Nachdem die Kinder aus Schnur und Ästchen ein Floß gebaut und dann auf dem Wasser dessen Schwimmtauglichkeit erprobten, traten wir den Rückweg an. Mit Hilfe der Wegweiser und des Kompasses fanden wir auch den richtigen Weg, was unsere Kinder sehr beeindruckte.
Außer diesen Erlebnissen entdeckten wir noch einen Hochstand, von wo aus der Förster die Tiere beobachten konnte, sammelten Zapfen, Moos und Rinde, pressten Gräser und Pflanzen und sammelten Holunderblüten für Holundersirup.
Wir befühlten und betasteten alles Interessante, rochen die Düfte des Waldes, fanden Tierspuren, lauschten dem Gesang der Vögel, schleppten heruntergefallene Äste heran und bauten Brücken zum Balancieren und Hangeln.
Schnell waren die 4 ½ Stunden vergangen und kein Kind hatte sich gelangweilt. Im Gegenteil, selbst antriebslose Kinder fanden im Wald viele Betätigungsmöglichkeiten.
Als dann die Eltern kamen, konnten sie zufriedene und vom vielen Bewegen und Erleben müde gewordene Kinder abholen.
Die positive Resonanz der Kinder und Eltern hat uns ermutigt, im neuen Kindergartenjahr wieder Walderlebnistage anzubieten.
Weitere Möglichkeiten zum ganzheitlichen Naturerfahren im Jahreslauf

Da Kinder im Wald nichts in den Mund stecken dürfen (Gefahr Fuchsbandwurm) ist es besser essbare Pflanzen, Beeren oder Blüten aus dem Wald in den Kindergarten zu holen. Dort können sie dann gemeinsam zubereitet werden. So wird beim Erleben mit allen Sinnen der Geschmackssinn nicht vergessen.

April

Bärlauchsuppe (16 Kinder)
(Günstigster Zeitpunkt: Vor der Blüte)
1200g Bärlauch
Nur die zarten, gesunden Blätter sammeln! Diese dann waschen und klein schneiden. 8 Eßl. Butter zerlassen und nach Bedarf Reismehl unterrühren. Bärlauch zufügen und andünsten. Das Ganze mit 4 Liter Gemüsebrühe auffüllen und 5 Minuten ziehen lassen. 800 g saure Sahne oder Schlagsahne unterrühren und nach Bedarf würzen.

Bärlauch ist eine Heilpflanze und wirkt entschlackend auf den Körper. Bärlauch wächst in Laub-, Misch- und Auewäldern und sollte an einem sonnigen Vormittag geschnitten werden. Bitte achten Sie darauf, dass er nicht an belasteten Standorten, wie an Straßenrändern gesammelt wird.

Ende Mai

Holundersirup
(Günstigster Zeitpunkt: Wenn der Holunder voll aufgeblüht ist)

10 Holunderblüten (Stängel abschneiden)
1250 g Zucker
¾ Liter Wasser
¼ Liter Apfelessig
3-4 unbehandelte Zitronen (in Scheiben schneiden)

Alles in ein großes Glas geben, die Öffnung mit Stoffrest und Gummi verschließen und drei Tage und drei Nächte kühl stellen.
Durch ein feines Tuch (Mull, Küchentuch) seihen, gut ausdrücken und in kleine Glasflaschen bis zum Rand füllen. Diese dann luftdicht verschließen.
Holundersirup kann zum Süßen von Tee verwendet werden oder zur Herstellung von Kindersekt für ein Fest ( Sprudel mit einem Schuss Holundersirup)

Juni, Juli

Im Juni und Juli stehen viele Pflanzen in voller Blüte. Kinder legen sich gern auf Wiesen und riechen an jeder Blume. Sträuße werden gepflückt und Blumenkränze geflochten. Ein Meer von Gerüchen. Nun kann man beginnen, die verschiedensten Gerüche intensiv wahrzuneh-men und sie zu beschreiben.
Gerüche bleiben aber nur in Erinnerung, wenn sie mit Erlebnissen verknüpft werden.

Duftkissen
Im Juni steht die Echte Kamille, Chamomilla recutica in voller Blüte. Sie wachsen an Getrei-defeldern. Man erkennt sie an den aufrecht stehenden, bis zu 1 Meter hohen Stängeln, und am weißen Blütenkranz um den hohen und hohlen Blütenboden. Wenn die Blüte reif ist, neigt sie sich nach unten. Für ein selbst gefärbtes Duftkissen sammeln die Kinder die Blüten an einem sonnigen Morgen, wenn der Tau weggetrocknet ist. An einem luftigen kühlen Ort werden sie dann getrocknet.

In der Apotheke kauft man dann 100g Alaun und 100g Weinstein (Kosten ca. 10,- EUR). Diese Zutaten werden in einem großen Topf mit kaltem Wasser aufgelöst und dann ein großes weißes Baumwollbettlaken hineingelegt. Dann eine halbe Stunde kochen lassen, Laken herausnehmen und zum Trocknen aufhängen. Dann binden die Kinder mit Päckchen-Bindfaden den Stoff ab, so dass nach dem Färben Kreise entstehen. (Batik-Technik)
Das Laken in kochendes Wasser legen und mit 1000g Kamilleblüten oder Kamillosan (Apotheke) einfärben. Nach dem Trocknen und Entfernen der Fäden werden kleine Kissen genäht und mit getrockneten Kamilleblüten gefüllt.
Kamille wirkt beruhigend. Werden die Duftkissen mit ins Bett genommen, können die Kinder besser einschlafen.
 

August

Pflanzenpresse
Eine Pflanzenpresse können Kinder mit handwerklichem Geschick selbst bauen.
Zwischen den einzelnen Papplagen werden dann die Blumen, Farne oder Gräser, welche die Kinder auf ihren Ausflügen gesammelt haben, gepresst.
Dann wird Gras gesammelt, getrocknet und klein geschnitten. Gras und Blumen werden auf Papier geklebt. So entstehen wunderschöne Wald- und Wiesen-Erinnerungsbilder.
(Siehe Bild)

September, Oktober

Wurzelkinder
Kinder finden viele interessante Dinge im Wald. Z.B. verschiedene Sorten Moos, heruntergefallene Äste oder Rinde, Eicheln Kastanien, Bucheckern, Zapfen, Gräser, Stöckchen, Farne, Gräser und vieles mehr.
Diese Dinge werden dann im Gruppenraum ausgestellt zum Spielen und Betasten.

Die Idee zum folgendem Bastelvorschlag kam von den Kindern, nachdem wir das Buch
„Etwas von den Wurzelkindern“ von Sybille von Olfers vorgelesen hatten.
Vom letzten Waldausflug hatten die Kinder verschiedene Naturmaterialien mitgebracht. Aus diesen Materialien bastelten sie ihre Wurzelkinder. Diese wurden dann zwischen Baumwurzeln, Moos getrockneten Gräsern und gepressten Farnen zu einer Waldlandschaft aufgebaut.
Eine so gestaltete Zimmerecke ist nicht nur ein Blickfang, sie lädt die Kinder auch zum Spielen und Verweilen ein. Erinnerungen und Emotionen können somit vertieft und verarbeitet werden.
(Siehe Bild)

Winterzeit

Wenn es im Winter schneit, verwandelt sich die Natur in eine weiße Märchenwelt. Unsere Kinder haben nun viele Möglichkeiten, das Element Wasser in seiner vielfältigen Verwandlung zu erleben. Wasser fällt als gefrorener Kristall vom Himmel, deckt Boden und Pflanzen zu und wärmt sie. Wasser gefriert auch zu Eis und schmilzt wieder, wenn die Temperaturen steigen.

Eismandala
Für ein Eismandala brauchen wir Sandförmchen, Wasser und verschiedene Fingerfarben.
In großen Behältern wird Farbe mit Wasser gemischt, die Sandförmchen damit halb gefüllt und sofort ins Kalte gestellt.
Ist das Eis hart, wird es vorsichtig herausgelöst und auf Tabletts nach Farben sortiert.
Vorsicht, alte Kleidung und alte Handschuhe tragen!
Dann suchen die Kinder einen schönen Platz, vielleicht am Kindergarteneingang und legen gemeinsam ein buntes Eismandala in den weißen Schnee. Mit Hilfe eines Turnreifens erhalten die Kinder einen exakten Kreis. Um den Reifen herum wird der Schnee glatt getreten, damit man besser herankommt.

Literatur:
Weitere Anregungen im Buch „Aktiv durchs Jahr“ Art.-Nr. 137144 im Wehrfritz-Katalog

Videofilme:
„Spielzeug zerbricht - Erlebnisse sind unsterblich“ und „Erlebnisse und Ergebnisse - Waldkindergärten in Deutschland“ Zu bestellen bei: Kurt Gerwig, AV1 TV & Video-Production, Pfalzstr. 10, 34260 Kaufingen, Tel.: 05605 4321

Erfahrungsbericht der Erzieherinnen aus Waldkindergärten in Nordrhein-Westfalen
Zu erhalten beim Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit, Nordrhein-Westfahlen, Referat Tageseinrichtungen für Kinder, Fürstenwall 25, 40219 Düsseldorf, Tel.: 0211 8553537